<<   Verdammt, ich liebe Euch!  |   KPJ - Song aus Wilhelmshaven   >>

Brief einer Mutter

Heute hat Tim vom Verlag das Buch „Reif für die Klapse?“ bekommen. Beim ersten Durchblättern und Anlesen kamen bei uns wieder alle Gefühle zum Vorschein, die ich im Laufe der letzten Monate verdrängt oder vergessen hatte Es waren die Gefühle, die ich empfunden hatte, als Tim im Juli letzten Jahres auf seinen Wunsch, gegen den Willen meines Mannes und mir, entlassen wurde. Ich habe mich so allein gelassen gefühlt. Ich sah nur noch die vielen Probleme, die Tim nun wieder in die Familie bringen würde und fühlte mich dem Ganzen nicht gewachsen. Die Ansprechpartner in der Klinik waren nun nicht mehr da, und ich sollte sehen, wie ich mit meinem, meiner Meinung nach, immer noch sehr kranken Kind zurecht kam. Ich hatte einen riesigen Berg von Aufgaben vor mir und wußte nicht, wie ich ihn überwinden sollte. Meinem Mann erging es ähnlich. Wir brauchten jemanden, der uns half. Unseren Freundeskreis, der uns während Tims Aufenthalt in Ihrer Klinik ganz intensiv zur Seite gestanden hatte, wollten wir nicht noch mehr belasten. Wir sahen keinen anderen Ausweg, als uns ans Jugendamt zu wenden. Nun lebt Tim seit dem letzten Sommer in einer WG des Jugendamtes in Neukirchen. Meine Empfindungen sind zwiespältig. Ich leide darunter, daß Tim nicht mehr in der Familie lebt, andererseits weiß ich, daß die dortigen Erzieher mit allen Problemen besser umgehen können als ich, weil sie gefühlsmäßig nicht so engagiert sind wie ich. Die letzten Monate brachten uns ein unendliches Auf und Ab. Mal war Tim vollkommen begeistert von seinem Leben, einen Tag später wurden wir beschimpft, und er hat das Jugendamt angerufen und gefordert, daß er einen Vormund bekommt, weil wir seinen Ideen nicht zustimmten.

Trotz dieser vielen Verletzungen stehe ich immer noch zu meinem Sohn und hoffe, daß er sein Leben irgendwann "in den Griff bekommt“. Oft habe ich gedacht, die ganzen Belastungen nicht mehr ertragen zu können. Ich hatte das Bedürfnis wegzulaufen. Wohin und wozu, wußte ich nicht. Einfach .die Augen zumachen und alles vergessen, wieder glücklich sein und an die Zukunft denken, Pläne machen, nicht mehr nur an Probleme denken - das war mein sehnlichster Wunsch. Aber das war nicht möglich. Mein Mann, mein jüngerer Sohn und natürlich Tim brauchten mich. Mein eigenes Leben trat für Monate vollkommen in den Hintergrund.

Inzwischen glaube ich, daß wir alle viel geschafft haben.

Im Augenblick geht es Tim gut. Er ist voller Zukunftspläne, und ich hoffe, daß diese Phase auf Dauer anhält. Unsere Familie führt wieder ein relativ normales Leben. Es gibt schöne Momente und traurige, wie jeder sie in seinem Leben erlebt. Ich hoffe, daß die schönen Momente in Zukunft überwiegen werden. Einen Anfang dazu hat sicher Ihre Klinik gemacht. Leider war Tim nicht bereit, dort weiter an sich zu arbeiten. Dann wären ihm sicher viele Schwierigkeiten erspart geblieben. Den vielen engagierten Mitarbeitern Ihrer Klinik möchte ich auch nach den vielen Monaten noch danken. Sie haben auch uns als Familie viel geholfen. Ich wünsche Ihnen für Ihre Arbeit viel Erfolg und die Kraft, die Sie für Ihre schwierige Aufgabe benötigen.

Inge Schlosser

zum Haupteingang von www.klapse.de