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Interview mit Kaisa Justus, Mitarbeiterin in der FiftyFifty Redaktion

Sie hat selbst auf der Straße gelebt, wardrogenabhängig und hat ihre Sucht durch Prostitution finanziert.

Du warst selber obdachlos und abhängig, wie war die Zeit damals für dich?

Es war eine elende Zeit. Das schwärzeste Kapitel in meinem Leben. Durch die Sucht war ich seelisch verkümmert. Ich war in einer Zwickmühle. Ich wollte immer aus dieser Sucht raus, doch es ist ein großer Kampf. Mein Selbstbewusstsein war gleich null. Ich traute mich einfach nicht.

Was war der Auslöser clean zu werden und wieder ein geregeltes Leben zu führen?

Das kann ich gar nicht genau festlegen. Ich wollte permanent aus der Sucht raus. Körperlich ging es mit mir immer weiter bergab. Später musste ich anschaffen gehen, denn ich war nie der Typ zum Stehlen oder alten Omas die Handtaschen klauen. Mich zu verkaufen fand ich am fairsten. Tagsüber konnte ich nicht anschaffen, weil ich ziemlich schlimm aussah. Abszesse am ganzen Körper und so. Die Freier sind ja auch nicht gerade blind. Im Nachhinein kann ich gar nicht verstehen, wie die Freier überhaupt mit Junkies ins Bett gehen können. Ich war zwar immer sauber, aber durch die Sucht sah ich halt schlimm aus. Die Situation spitzte sich mehr und mehr zu. Ich konnte nicht mehr. Es blieben nur noch zwei Möglichkeiten. Entweder ich setzte mir den Goldenen oder ich mache Entzug.
Ich lernte einen Freier kennen, der mir beim Entzug half. Er ließ mich acht Wochen bei ihm wohnen. Besorgte mir einen Therapieplatz in Grafenberg. Um in der Warteliste nach oben zu rutschen, musste man sich regelmäßig telefonisch melden. Um zu zeigen, dass man einen geregelten Tagesablauf haben kann und Regeln einhalten kann. In der Zeit, wo ich bei ihm gewohnt hab, hat er mir die Drogen finanziert. Er wollte, dass ich clean werde, damit ich ihn später heirate. Er war ein alter Witwer und suchte eine junge Frau fürs Alter, die für ihn sorgt und bei Gelegenheit die Beine breit macht. Das hat er schon bei mehreren Mädchen gemacht. Er wollte mit mir schlafen, doch ich hab ihm gesagt, dass wenn er eine Beziehung mit mir anfangen will, er mir Zeit lassen soll. Eigentlich saß ich den ganzen Tag nur auf seiner Couch rum und setzte mir einen Druck nach dem anderen.
Als ich dann den Therapieplatz hatte, brach ich nach und nach den Kontakt mit ihm ab. Ich habe ihn natürlich auf eine Art ausgenutzt, aber ich wollte clean werden und alleine hätte ich das nie geschafft. Ich hab die Chance beim Schopf gepackt.

Wie geht es dir heute und wie siehst du die Vergangenheit jetzt?

Man kann's nicht löschen, das ist klar. Es gehört zu meinem Leben. Ich bin heute sehr stolz darauf, dass ich den Ausstieg geschafft habe. Ich weiß auch, dass ich für den Rest meines Lebens gefährdet sein werde. Aber ich bin jetzt vier Jahre davon weg und habe alles ganz gut im Griff. Ich klopfe mir jeden Tag auf die Schulter und stehe zu meiner Vergangenheit. Ich habe damit abgeschlossen. Setzte mich aber durch meinen Beruf damit auseinander. Ich bin reintegriert. Lebe einfach bewusster, kann mich auch über kleine Sachen freuen. Wenn ich an die Zeit zurückdenke, kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, dass ich das war. Ich bin charakterlich stärker geworden und freue mich am Leben. Heute hab ich eine ganz andere Wertschätzung. Damals strebte ich immer nach Großem. Jetzt bin ich dankbar überlebt zu haben. Bin froh liebgehabt zu werden, satt zu sein, ein Dach über dem Kopf zu haben, einen Beruf zu haben, der mir Spaß macht und ein gutes Verhältnis zu meiner Tochter zu haben. Und ich freue mich über mein Enkelkind.

Was hat FiftyFifty damit zu tun?

FiftyFifty hat eine große Bedeutung. Ich bin Hubert sehr dankbar, dass er so viel Vertrauen in mich hatte, mich arbeiten zu lassen, als ich im Methadonprogramm war und dass er erkannt hat, was für ein Potenzial in diesem kranken und elenden Körper steckte. Ich kann mich mit dem Job identifizieren, weil ich meine Erfahrungen von früher einbringen kann. Ich helfe Menschen mit Drogenproblemen und durch meine Vorträge in Schulen kann ich prophylaktisch aufklären, wie es ist, drogenabhängig zu sein.

Bettina, 16, KLAPSE Düsseldorf

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