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FiftyFifty - Obdachlosenhilfe

Praktiktikum bei FiftyFfifty

FiftyFifty ist ein Sprachrohr für Obdachlose und behandelt sozialkritische Themen. Das Magazin wird von Obdachlosen für 2,40 DM auf der Straße verkauft. 1,20 DM bekommt der/die Verkäufer/in. FiftyFifty arbeitet aber noch mit anderen Initiativen zusammen, die sich darum bemühen, Obdachlose wieder in die Gesellschaft zu integrieren ( Wohnung, Job).

Mit einem Leserbrief fing alles an.

Als es bei uns in der Schule hieß, dass bald Praktikum ansteht, hatte ich nicht die geringste Ahnung, wo und wie. Ich wusste nur, dass ich auf jeden Fall im sozialen Bereich etwas machen möchte. Leuten durch meine Arbeit zu helfen, ist wichtig für mich. Auf gar keinen Fall wollte ich in irgendeinem staubigen Büro arbeiten, wo ich den ganzen Tag nur mit verklemmten, zugeschnürten Schlipsträgern zu tun haben würde. Der reinste Horror. Außerdem hätten die bestimmt ein Problem mit meinem Aussehen, aber das tut jetzt nichts zur Sache.

So kam es, dass ich in meiner Freizeit viel mit Verkäufern des FiftyFifty-Straßenmagazins zu tun hatte. Morgens, wenn ich zur Schule fuhr, verkauften sie in der S-Bahn die Zeitung oder versuchten es wenigstens. Denn die meisten Leute beachten sie ja nicht mal. Schauen nur gleichgültig aus dem Fenster. Ich fand die Verkäufer immer ziemlich freundlich und konnte mich nett mit ihnen unterhalten. So kaufte ich die Zeitung, las sie auch aufmerksam. Und mir gefiel die Zeitung sehr gut. Weil sie der KLAPSE in einem Punkt ziemlich ähnlich war. Auch sie ist dazu da, um auf die Missstände der Obdachlosen aufmerksam zu machen. Einblicke in das Leben von einzelnen Betroffenen, soll aufklären und bestehende Vorurteile abbauen. Ich fühlte mich mit den Obdachlosen ein bisschen verbunden. Denn auch ich hatte schon öfters mit Vorurteilen meiner Mitmenschen zu kämpfen im Bezug auf meinen Klinikaufenthalt. Mir ging die Sache nicht aus dem Kopf. Also setzte ich mich eines Abends hin und schrieb einen Leserbrief an die FiftyFitfy Redaktion. Darin schrieb ich, dass ich das mit der Zeitung wirklich gut finde, weil die Obdachlosen ein Sprachrohr bekommen um die Leute aufzuklären oder es zu versuchen. Und dass ich selbst mit Vorurteilen zu kämpfen habe, weil ich in der Psychiatrie war oder bin.

Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass ich Antwort bekomme, aber es war mir ein Bedürfnis, diesen Brief zu schreiben.

Nach ein paar Tagen erhielt ich aber doch eine Postkarte vom Chef persönlich. Er fragte mich, ob ich nicht Interesse hätte eine Titelgeschichte mit der Überschrift "Kinder, die nicht mehr leben wollen" für FiftyFifty zu schreiben. Da ich ja eine Betroffene bin und das alles viel echter rüberbringen könnte. Da ich ja auch für die KLAPSE schreibe und ihm mein Brief sehr gut gefiel, traute er mir das zu. Ich war begeistert. Denn für FiftyFifty zu schreiben war ja noch eine Stufe höher, als für die KLAPSE. Denn mit einer Auflage von über 40.000 und journalistisch höherem Level erreicht man ja noch viel mehr Menschen mit seiner Story. Ich fühlte mich sehr geehrt.

Zuerst telefonierte ich mit Herr Ostendorf, der sich freute, dass ich mitmachen würde. Er lud mich zu sich in die Redaktion ein, um weiteres zu besprechen.

Ich hatte zuvor schon einige Recherchen zu dem Thema zusammengetragen. Er war davon sehr angetan, weil er diesbezüglich noch nichts hatte. Aus den von mir gesammelten Informationen konnte ich die Story verfassen.

Er schlug vor, dass ich den Text zu Hause schreibe und ihm das Ergebnis zur Korrektur vorbeibringe. Doch ich war etwas unsicher, den Text ganz alleine zu schreiben. Ich kann zwar schreiben, aber mir fehlt halt das journalistische Grundwissen. Da fiel mir schlagartig ein, dass ich doch für die Schule einen Praktikumsplatz brauche. Ich fragte, ob ich nicht bei ihm in der Redaktion Das Praktikum machen könnte.

Das ging klar. Mir kam das sehr gelegen, weil ich damit Journalismus und Sozialarbeit verbinden konnte. Doch er meinte, dass ich in der Redaktion ja nicht gerade viel mit Obdachlosenhilfe zu tun haben würde. Jedenfalls nicht direkt. Er schlug vor, in der Armenküche und bei der Streetwork mindestens einen Tag zu arbeiten. Als ich zustimmte rief er auch sofort dort an und machte das klar.

Jetzt konnte ich während des Praktikums in der Redaktion meinen Text schreiben und aktive Obdachlosenhilfe kennen lernen.

Das Praktikum im allgemeinen hat mir sehr gut gefallen. Die Leute waren alle sehr nett und aufgeschlossen und standen mir immer mit Rat und tat zur Seite. Am interessantesten fand ich den Tag bei der Streetwork. Ich zog mit einer Sozialarbeiterin los, durch die Altstadt. Dort gingen wir rum und fragten die Obdachlosen dort, ob es ihnen gut geht, was im Moment so los ist und ob es irgendwelche Schwierigkeiten gäbe (Schlägereinen, Polizei, Schwarze Sheriffs...). Die meisten kannten die Sozialarbeiterin und kamen von selbst auf uns zu. Mit mir hatten sie scheinbar auch kein Problem, denn einige erzählten ziemlich genau von ihrem Leben. Von Drogen, Entzug, Knast, Polizei, andere Obdachlose und von ihren Wünschen. Einer allerdings hat mich sehr berührt. Er lag auf einer dreckigen Isomatte, unter einer Unterführung und rauchte eine Zigarette. Christa, die Sozialarbeiterin kannte ihn nicht und als wir an ihm vorbei gingen, schaute er uns kurz an. Daraufhin sprach ihn Christa vorsichtig an. Er war ziemlich zurückhaltend und schüchtern. Es sah so aus, als ob er sich schämen würde. Ich hielt mich etwas im Hintergrund um ihn nicht noch mehr zu verunsichern.
Ansonsten sprach ich mit Christa viel über meine Probleme, die Krankheit und die Klinik. Ich staunte selber über meine Offenheit.
Meine Bewertung für das Praktikum: Erste Klasse! Ich habe in den zwei Wochen viel dazu gelernt, auch im Bezug auf meine Krankheit.
Ich bin daran gewachsen.

Bettina, 16, KLAPSE Düsseldorf

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