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Stufen der Freiheit

Vom "ständigen Kontakt" bis zum vollen Ausgang

Bild Die erste Etappe auf dem Weg in die Freiheit ist der "ständige Kontakt". Während dieser "Intensivmaßnahme", wie die Betreuer es nennen, verbringt man den ganzen Tag in einem kleinem separaten Raum, gemeinsam mit einem Betreuer oder wenn man Glück hat, auch noch mit einem zweiten Patienten.

Wer jetzt denkt, dass sich der ständi-ge Kontakt nur auf das Rumsitzen in einer Kammer beschränkt, der liegt leider falsch. Beim Duschen sitzt die ganze Zeit über jemand an deiner Seite - natürlich bei einem Mädchen eine Betreuerin, genauso wie beim Jungen ein Betreuer. So ist es auch beim Toilettengang, beim Waschen und Umziehen, immer ist man in Sichtkontakt mit den Betreuern. Das hört sich jetzt vielleicht gar nicht so schlimm an, aber ich sage euch: es ist die Hölle.

Eine Woche musste ich den ständigen Kontakt ertragen, bis ich so weit war einen Teil an Verantwortung für mich zu übernehmen.

Dieser kleine Teil, bedeutet fünf Minuten für sich zu haben, das heißt, ich bekam einen "fünfminütigen B-Bogen". Klartext: alle fünf Minuten zu einem Betreuer gehen und ein Autogramm verlangen.

Dieses Gefühl sich alleine für fünf Minuten, frei auf der Station bewegen zu dürfen, es ist einfach wunderbar. Mein erster Gang führte mich zur Toilette. Es war so ungewohnt, dass ich beinahe vergessen hätte, die Tür hinter mir zu schließen, so sehr hatte ich mich daran gewöhnt. Nach den ersten Stunden weicht das Gefühl von "Freiheit" wieder dem von "eingesperrt sein". Alles, was man anfängt, sei es lesen, spülen oder fernsehen, muss man nach fünf Minuten unterbrechen. Im Grunde schaut man den ganzen Tag auf seine Uhr oder ist auf der Suche nach einem Betreuer.

Bei solch einem Tagesablauf ist es sehr schwer auch noch sein bisschen Lebenswillen aufrecht zu erhalten, den man gerade mit Müh' und Not aufgebaut hat. Ich empfinde diese Zeit als sehr schwierig, durchzuhalten und nicht wieder schwach zu werden, ist nicht leicht. Wenn man es allerdings schafft, wird man mit dem Leben belohnt und zwar einem in Freiheit.

Aber nun wieder zu den nächsten Etappen. Viel gibt es eigentlich nicht mehr zu schreiben. Nach dem Fünf-Minutenbogen folgen noch fünf andere Bögen, jeweils mit einer längeren Kontrollzeitspanne, die einen immer größeren persönlichen Freiraum erlaubt.

Ab dem 30-Minuten B-Bogen darf man sogar schon im Zimmer schlafen und muss nicht mehr in einem Krankenhausbett auf dem Flur campieren.

Das hat zwar so seine Vorteile, man ist immer mitten im Geschehen und auf dem neusten Stand, was den Stationstratsch angeht, aber lediglich ein Bett als Rückzugsort zu haben, empfand ich als sehr unangenehm.

Mein Bett habe ich irgendwann angefangen mit Bildern zu bekleben um wenigstens das Gefühl zu haben, dass das mein Bett ist und nicht irgendein Krankenhausbett.

Also gut, wenn man wieder im Zimmer schlafen darf, hat man schon den zweitgrößten Schritt hinter sich gebracht, der nächste folgt kurz darauf.

Das erste Mal alleine in den Garten,
alleine,
alleine,
man glaubt es kaum.
Ich war allein im Garten.


Zwar hatte mich jemand bis zur Tür begleitet, um sie mir aufzumachen, aber zum ersten Mal seit langer Zeit wird die Tür hinter mir nicht von außen, sondern von innen geschlossen.

Ja, und nu? Was macht man dann? Wenn man merkt, dass man zwar draußen ist und das sogar alleine, aber frei ist man nimmer noch nicht. In dieser Situation habe ich mir fünf Minuten den A**** abgefroren und war danach froh, wieder reinkommen zu dürfen.

Zusammengesfasst würde ich meine Erfahrung so beschreiben: erst einmal hochjauchzend und dann schnell wieder auf dem Boden der Tatsachen.

Die letzte Etappe

Es ist eine Woche vergangen, seit ich das letzte Mal alleine im Garten war, heute ist mein großer Tag, die Tore in die Freiheit werden sich öffnen. Es kommen Erinnerungen an meinen letzten Ausgang hoch. Zweifel lassen mich zögern. Bin ich wirklich soweit? Was ist, wenn ich wieder versuchen werde mich umzubringen? Vielleicht klappt es ja auch und dann gibt es keinen Weg mehr in die Freiheit - ins Leben:

Nach langem Überlegen bin ich mir sicher, ich möchte leben und kann es schaffen.

Die Türe wird geöffnet. Ich gehe raus, immer geradeaus bis ich hinter einer Biegung verschwinde und man mich von Station aus nicht mehr sehen kann.

Einen Augenblick bleibe ich stehen, sammel alle Energie, die ich in den letzten Monaten unterdrücken musste und
renne los,
renne,
renne,
bis ich nicht mehr kann.


Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass die Zeit gekommen ist, wieder zur Station zur gehen. Jemand macht mir die Türe auf, Etwas ist anders mit mir.

Ich weiß es ist immer noch ein langer Weg, bis ich endgültig die Tore in die Freiheit hinter mir lassen kann. Auch weiß ich jetzt, mehr denn je, dass es sich auf jeden Fall lohnt.

Tanja, 18, KLAPSE, Düsseldorf

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