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Mein Leben - Von einem Ort zum anderen

oder - Immer wieder "SCHNIBBELN"

Von meiner frühen Kinderzeit weiß ich natürlich alles nur von Erzählungen. Halt, dass ich als Kind sehr oft krank war und dass meine Mutter sich von meinem Vater hat scheiden lassen, weil er Drogen genommen - und meine Mutter und mich geschlagen hat. Wir sind sehr oft umgezogen, meine Mutter hatte auch viele verschiedene Männer zu der Zeit. Sie dachte sich, dass das kein guter Lebensstart ist für ein Kind.

Mit fünf Jahren zog ich dann zu meinen Großeltern. Dort hatte ich ein geregeltes Leben und meine Mutter konnte wieder im Hotel arbeiten gehen. Das einzige Problem war, dass mein Großvater sehr tyrannisch war - und immer noch ist. Er brüllte wegen jedem bisschen gleich los und hatte meine Großmutter und auch mich total unter seiner Knute. Mit sechs Jahren kam ich in die Schule. Ich war sehr zurückhaltend und hatte nur eine Freundin.

Tja, ich hatte noch ein Problem: Seit ich bei meinen Großeltern wohnte ging ich ganz schön in die Breite. Ich hatte mir von meiner Oma abgeguckt aus Frust zu essen. Durch meine Leibesfülle wurde ich schon in der Grundschule das Ziel für Hänseleien. Trotz alledem war ich ganz gut in der Schule.

Bis zu meinem zehnten Lebensjahr änderte sich nicht viel an meinem Leben. Ich kam in die Realschule, und dort fand ich meine (bis jetzt) beste Freundin. Ihr war es egal, dass ich so ziemlich "out" war, und auch dass ich so sehr zurückhaltend war. Ich kannte sie schon seit ich vier Jahre alt war und erst als wir in die Realschule kamen, wurden wir Freundinnen.

In dieser Zeit, so mit ungefähr 10-11 Jahren, habe ich das erste Mal geschnibbelt. Allerdings ohne damals zu wissen, was schnibbeln überhaupt ist.

Aus Wut auf meinen Großvater, und aus Frust und Trauer wegen der ganzen Hänseleien, kratzte ich mir mit beiden Händen über das Gesicht, sodass ich an beiden Seiten vier tiefe, rote Striemen auf den Wangen hatte. Meine Oma war geschockt, und fragte mich, warum ich das gemacht hätte. Ich wollte es ihr nicht sagen, und antwortete: "Weiß nicht."

Am nächsten Tag durfte ich zum ersten Mal mit offenen Haaren zur Schule gehen. (das durfte ich sonst nicht, die Haare werden ja nach 'ner Zeit nur strubbelig, meinte meine Oma.)

Zur gleichen Zeit wohnte meine Mutter mit ihrem neuen Partner in der Schweiz. Und zu meinem Vater, der in der Nähe von Cuxhaven wohnt, konnte ich nur einmal im Jahr, in den Sommerferien.

Naja, zur der Zeit kam halt ein Anruf von meiner Mutter: "Hey Schatz, bald hast du ein Brüderchen!" Ich war wahnsinnig glücklich, ich hatte mir schon immer einen kleinen Bruder gewünscht. Ich fuhr dann in den Osterferien zu meiner Mutter. Und verliebte mich sofort in "meinen" kleinen Melchior. Ich wünschte mir nichts mehr, als dass meine Mutter mit Melchior und meinetwegen auch Thomas, ihrem Lebenspartner, zurück nach Deutschland käme.

Ich hatte nämlich einen Entschluss gefasst: Sobald sie wieder in Deutschland sein sollten, und eine Wohnung gefunden hatten, die groß genug für alle war, würde ich zu ihnen ziehen. Das geschah dann auch.

Ich dachte, jetzt wird alles gut, doch es wurde nur noch schlimmer. Mein Stiefvater war drogenabhängig und die Gegend, in der wir wohnten, ist ein ziemlich schlechtes Viertel. Drogen, Gewalttaten, Diebstahl waren fast alltäglich. Doch ich hatte auch mehr Freiheiten, eigentlich schon zuviel.

Nach ca. einem halben Jahr, meldete sich die 70-jährige Ex-Frau meines Stiefvaters, die in den Alpen in Italien einen Bergbauernhof hat. Sie fragte uns, ob wir jemanden kennen würden, der ihr bei der Arbeit auf dem Hof helfen würde. Das hieße natürlich auch nach Cortina d'Ampezzo, wo sie wohnt, zu ziehen. Mein Stiefvater selbst war sofort "Feuer und Flamme" dort hinzuziehen.

Tja, einige Monate später fuhren wir mit dem Auto zu unserem neuen Heim. Es ist schon toll dort, schöne Berge, Natur, nette Menschen. Ich kam in eine italienische Schule. Obwohl es mit der Sprache noch haperte, kam ich gut mit den Leuten aus meiner Klasse zurecht. Auch die Arbeit auf dem Hof machte mir Spaß. Alles hätte so schön sein können, wäre da nicht der ewige Streit zwischen Mutter, Stiefvater und Hausbesitzerin gewesen. Der Streit zwischen ihnen wurde teilweise auch handgreiflich ausgetragen. Es kam noch dazu, dass das Haus in dem wir lebten total verwahrlost war, überall war Müll um das ganze Haus herum verbreitet. Die kläglichen Versuche mal aufzuräumen scheiterten daran, dass es jeweils nach einer Woche wieder genauso aussah wie vorher. Darüberhinaus gab uns Rosa (Ex-Frau meines Stiefvaters) nicht genügend Geld, um zurecht zu kommen. Der Ort, wo wir wohnten, ist ein beliebtes Ski-Gebiet und entsprechend teuer waren die Geschäfte auch.

Rosas Essen zu sich zu nehmen, war echt undenkbar, wenn man sich vorstellt, dass die Küche genauso verwahrlost war wie das ganze Haus. Überall schimmlige Milch, auch sonst waren viele Sachen verschimmelt und die Katzen hatten überall ihre Nasen und Pfoten mit drin.

Nach einem halben Jahr wurde meiner Mutter alles zuviel. Sie fuhr unter dem Vorwand, mal mit Melchior zu ihrer Mutter fahren zu müssen, zurück nach Deutschland. Doch ich wusste, dass sie nicht wiederkommen würde. Nur Thomas und Rosa durften das nicht wissen, sie hätten die beiden nicht gehen lassen. Ich wusste ja auch, dass ich bald nach Deutschland zurückgeholt werden würde. Warum mich meine Mutter nicht direkt mitgenommen hat? Ich hatte zu der Zeit Schule und es wäre zu auffällig gewesen.

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Can, 15 Jahre, "Irre, Mensch", Kassel

So blieb ich noch ca. 3-4 Monate alleine in Italien. Ich freute mich einerseits total auf zu Hause, auch weil ich die ganze Zeit über immer Kontakt zu meiner besten Freundin hatte, die sich auch schon total freute, mich wieder zu sehen. Doch ich war auch ein bisschen traurig, alles was ich hier kennen gelernt hatte wieder zu verlassen.

Ganz plötzlich dann stand ein Wagen vor der Tür, nicht irgendein Wagen, es war das Auto meiner Oma. Sie, ihr Mann und mein Onkel waren endlich gekommen, mich hier raus zu holen.

Die drei unterhielten sich noch bei einem Kaffee mit Rosa und Thomas. Ich packte noch meine letzten Sachen. Unseren kleinen Pudel Abby konnten wir leider nicht mitnehmen, da Thomas dies nicht wollte.

Nun, da war ich wieder "zu Hause". Meine beste Freundin Sandra kam mich direkt am nächsten Tag besuchen.

In der Zeit in Italien habe ich wieder geschnippelt, ich habe mir die Arme aufgeschnitten.

Das nächste Jahr wohnten wir bei meiner Oma. Auch dort schnippelte ich wieder.

Wir fanden dann im gleichen Ort eine kleine 2-Zimmer-Wohnung. Ich hatte mein eigenes Zimmer, meine Mutter teilte sich eins mit meinem kleinen Bruder. In Unterbach fand ich dann auch meine heutige Clique.

Ich kam auf eine Waldorfschule, die eine ganz andere Lehrstruktur hat als die Regelschulen. So musste ich das Schuljahr nicht wiederholen. In der Zeit passierte so viel, dass ich es nur kurz fasse.

Auf jeden Fall wurde aus der klei-nen grauen Maus Nora ein ganz anderer Mensch.

Ich wurde gegenüber meiner Mutter aufmüpfiger, ich hatte Rückenstärkung von meinen Freunden. Ich bin abgehauen (im tiefsten Winter) und schlief die eine Nacht bei einem wildfremden Mann. Ich habe kein Auge in dieser Nacht zugetan. Meine Haare waren kurz und flippig, ich ging in Kneipen, fing an Bier zu trinken, zu rauchen und vereinzelt auch Hasch zu paffen. Ich wurde selbstbewusster und auch Typen wollten was von mir. In dieser Zeit hatte ich auch meinen ersten Freund. Ihm folgten andere.

Ich hatte meiner Meinung zuviel Freiraum. Ich konnte tun und las-sen was ich wollte, und war nur zum Essen zu Hause.

Ich war zwar immer noch pummelig, aber mir machte das immer weniger aus. So auch den anderen Menschen. Trotz allem schnippelte ich weiter. Ich fing an Schule zu schwänzen und verpasste massenhaft Schulstoff. Ich hatte immer weniger Lust auf Schule. Wegen dem Schnippeln kam ich dann zu einer Therapeutin, doch richtig helfen tat mir das nicht.

Vor ca. einem Jahr traf meine Mutter ihren heutigen Partner. Nach ca. 6 Wochen zogen wir dann zu ihm nach Neuss. Auf einmal durfte ich gar nichts mehr. Dieter war total streng.

Ich ging gar nicht mehr zur Schule, wurde von Therapeut zu Therapeut geschoben, es lief gar nichts mehr.

Ich hatte nur Stress zu Hause, und konnte meine Freunde nun nur noch am Wochenende sehen.

Irgendwann kam von meiner Mutter der Vorschlag ob ich es mir nicht vorstellen könnte 'ne Zeit lang in eine Psychiatrie zu gehen, um da meine Probleme zu lösen. Ich nahm den Vorschlag an und kam so nach Viersen.

Ich muss sagen, es hat mir hier sehr viel gebracht! Ich schnipple nicht mehr, hab mir vorgenommen die Schule zu packen und einen guten Abschluss zu kriegen. Nur zu Hause läuft es noch immer nicht. Ich steh im Moment vor der Frage: Soll ich nach Hause oder ins Heim gehen? Mir wurde die Entscheidung abgenommen, ich gehe jetzt bald in ein Heim bei Rheine, das liegt hinter Münster. Also ganz weit weg von meiner Familie und meinen Freunden. Tja, ist ja wohl ein ganz neuer Start. Ich hoffe ich mache das Beste daraus. Drückt mir die Daumen!

Nora, 15, Knalltüte, Viersen

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