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Magersucht? - ICH?- Die spinnen doch!

Eigentlich sollte ich nur in die Tagesklinik kommen, doch daraus wurde nichts. Als ich im Büro von Frau B. saß, wurde mir gesagt, dass an einem stationären Aufenthalt nichts vorbeiführe, worauf ich dann dahin kam. Ich war total aufgeregt und nervös, als ich die kalkweißen Gänge sah, durch die wir gingen. Ich hatte totale Angst und dachte: Wo bringen die dich nur hin? Als wir auf Station waren, war ich noch nervöser. Ich konnte es nicht fassen, ich war in einem Krankenhaus!

Ich sollte Magersucht haben, die spinnen doch!

Gegen die Tränen kämpfend rannte ich die ganze Zeit die Treppen auf und ab. Als endlich der Papierkram geregelt war, wurden wir ins Arztzimmer gebracht.

Ich wurde gewogen: 36 kg! Und gemessen: 1,65 cm. Meine Eltern waren geschockt. Ich hatte sie wochenlang angelogen.

Ich war, bevor sie mich gewogen hatten, immer in die Küche gegangen und hatte 1-2 Liter Wasser getrunken. Morgens um 5 Uhr! Dann wurde mir Blut abgenommen. Mein Blut war die reinste Pampe, und es musste mehrere Male neu gestochen werden um die Vene zu treffen. Mir fiel es sehr schwer, bei der Blutabnahme ruhig liegen zu bleiben. Immer wieder hob ich meinen Kopf um meine Bauchmuskeln anzuspannen. Ich bekam eine Infusion. Dann wurde ich in das Überwachungszimmer gebracht und durfte mir ein Abendessen aussuchen: 1 kleiner Diätjoghurt. Zuhause hatte ich einen Essensplan gehabt, der eigentlich vorschrieb, dass ich einen 500 g Landliebe Joghurt aß, doch ich dachte, wenn du schon hier bist und die dir einreden wollen, dass du magersüchtig bist, dann auch richtig! Ich durfte auch nicht mehr nach Hause, um meine Sachen zu holen. Ich konnte es einfach nicht fassen! Ich war in einem Krankenhaus! Ich sollte Magersucht haben! Ich war aber der festen Überzeugung, dass ich nach 2-3 Wochen entlassen würde. Am nächsten Morgen, nach einer Nacht, in der ich wegen eines Herzüberwachers der 5-8 mal piepte, fast nicht geschlafen habe, wollte ich zum Frühstück nichts essen. Aber ich musste! Also nahm ich eine trockene Scheibe Schwarzbrot. Ich krümelte fast das ganze Brot weg. Irgendwie stand ich dann die Zeit zum Mittagessen durch.

Ich hatte strenge Bettruhe, stand aber auf, soweit es die ganzen Kabel und Geräte, die an mir angeschlossen waren, es erlaubten, ich turnte oder ging auf Toilette, um dort heimlich zu hüpfen.

Mittagessen: Es gab Sauerkraut und Kartoffeln! Die Hälfte meiner sowieso schon sehr kleinen Portion bekam meine Zimmergenossin. Mir wurde immer wieder gesagt: Wenn du nicht isst, bekommst du eine Magensonde! Ich habe gegessen! Jedenfalls sah ich das so. Gegen Nachmittag kam dann mein Vater vorbei. Er versuchte mir dann ganz ruhig zu erklären, dass ich eine Sonde bekomme. Ich war geschockt! Ich schrie, weinte und riss mir fast die Infusion raus! Alles fing an, an mir zu piepen. Der Herzüberwacher, die Infusion usw. Dann kam eine Schwester rein und sagte:" Beate wenn dich dein Vater so aufregt, muss er gehen." Bei dem Gedanken wurde ich noch wilder und schrie total herum. Am Nachmittag legte mir dann die Oberärztin, zusammen mit einer Schwester die Sonde an. Ich schrie, denn es tat schrecklich weh. Später erfuhr ich dann, dass die Sonde auch ohne Einwilligung meiner Eltern gelegt worden wäre. Man hätte es gerichtlich beschlossen!

Später kam dann meine Mutter. Sie wusste gar nichts von der Sonde und war geschockt, als sie mich sah.

Von da an bekam ich alle 4 Stunden eine Sondenmahlzeit. Ich versuche aber immer noch mit allen Mitteln gegen das Zunehmen anzukämpfen. Ich bekam sehr viele Beruhigungsmittel und war tagsüber kaum bei Verstand, so müde war ich. Aber ich wollte nie schlafen. Ich musste sehr lange im Überwachungszimmer bleiben, weil ich so unruhig war und mich nie an die Bettruhe gehalten habe. Sobald das Rollo am Fenster vom Schwesternzimmer runter gemacht wurde, damit ich auf den Klostuhl gehen konnte, fing ich an zu springen, sit-ups oder andere Turnübungen zu machen. Dann fingen natürlich alle Geräte an mir an zu piepsen. Irgendwann kam dann aber ein Notfall, der alleine liegen musste, und ich wurde in ein anderes Zimmer verlegt. Die Schwestern sagten:"Wenn du HECK-MECK machst, kommst du wieder in die 21. Also pass auf." Oft redeten Ärzte und Schwestern auf mich ein und versuchten mir begreiflich zu machen, wie wichtig es für mich war zuzunehmen und in was für einer gefährlichen Situation ich schwebte. Nach ca. 2 Wochen bekam ich einen PLAN. In ihm stand ganz genau, was ich wann dürfte. Alles hing von meinem Gewicht ab. Meine Eltern durften mich nur noch 3 mal die Woche für 2 Stunden besuchen. In ihm war auch festgelegt, wann ich das 1.Mal aufstehen durfte, etwas essen durfte, und wann meine Freunde mich besuchen durften.

Nach einer sehr langen Zeit und vielen Gesprächen begriff ich langsam, dass ich zunehmen musste.

Um rauszukommen, um gesund zu werden und um glücklich zu werden. Was mir auch sehr half war, dass ich mich von den Schwestern beim Wiegen fotografieren ließ.

Auf den Fotos sah ich, wie erbärmlich und krank und vor allem unglücklich ich aussah. Sollte diese Krankheit mein Leben zerstören?

Langsam nahm ich zu. Der Blick auf die Waage war manchmal immer noch ein Horror! Als ich kurz vor 40 kg stand war es das Schlimmste. Auf der einen Seite wollte ich unbedingt, weil 40 kg bedeuteten, dass ich frühstücken durfte, auf der anderen Seite war 40 eine neue Zahl. 39,95 und 40 war für mich ein riesiger Unterschied. Auf Station lernte ich viele nette Leute kennen, doch oft taten sie mir mit ihren Aufmunterungsversuchen nichts Gutes. Wenn sie z.B. sagten: "Du bist echt magersüchtig? Hätte ich jetzt echt nicht gedacht." Sie meinten es bestimmt lieb, aber für mich war es wie ein Schlag ins Gesicht. Hier hatte ich den Beweis: Ich war nicht magersüchtig, die Ärzte und Schwestern wollten mir alles nur einreden.

Weihnachten stand vor der Tür und ich lag im Krankenhaus. Laura, Alison und ich waren total down. Am Mittwoch (Stichtag) wurde dann entschieden, dass wir für 6 Stunden nach Hause durften. Wir bekamen Bioni-Trinkpäckchen mit, damit wir unsere Kalorien zusammen hatten, eine Sondermahlzeit fiel ja aus. Es war superschön, aber es fiel sehr schwer wieder zurückzugehen. Den ganzen Abend weinte ich. An Silvester durften wir wieder nach Hause. Ich glaube, bei mir kam der Klick an Silvester. Ich sah ein, was ich mir angetan habe.

Als ich endlich 42 kg wog, die Sonde gezogen und ich endlich Besuch bekommen durfte, kamen gleich alle meine Freundinnen auf einmal.

Ich war so glücklich alle wiederzusehen, hatte aber auch totale Angst davor, weil ich sie alle vernachlässigt hatte, bevor ich ins Krankenhaus kam. Und weil ich dachte, sie würden mich fett finden. Mit 43 kg durfte ich ein Wochenende nach Hause. Ich verabredete mich und es war fast so wie früher. Natürlich sie waren etwas zurückhaltend und vorsichtig, aber meine Angst verging sehr schnell. Im Krankenhaus versuchte ich dann alles, um auf 45 kg zu kommen. Das schaffte ich dann auch, und ich konnte nicht verstehen, wie ich damals in so ein tiefes Loch fallen konnte.

Als ich die Klinik dann nach 4 Monaten verließ, war ich auf der einen Seite glücklich, aber ich hatte auch ein etwas mulmiges Gefühl.

Ich hatte gekämpft und war am Ende froh, dass ich alles überstanden hatte. Zur Zeit besuche ich noch die Kindertagesklinik für Psychosomatik am EVK. Hier versuche ich in Therapiestunde hinter die Gründe für meine Magersucht zu kommen. Ich hoffe, das es mir gelingt, nie wieder so tief zu fallen.

Beate, 13, KLAPSE, Düsseldorf

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