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Verloren in Hamburg...

Es begann damit, dass ich in einer fremden Stadt aufwachte. Ich lag auf einer Bank, unter ihr eine schwarze Sporttasche. Ich sah nach vorne zum Hafen, wo ein riesengroßer Frachter angelegt hatte. Ich brauchte eine Zeitlang, um mich ein wenig zu orientieren. In meinem Kopf war Leere, ich hatte Angst und wusste nicht, was geschehen war. Mir gingen nur noch drei Fragen durch den Kopf.
    Wer bin ich?
    Wo bin ich?
    Warum bin ich hier?

Fragen, die mir sehr wichtig erschienen, auf die ich jedoch keine Antwort fand.
Ich ging aus meiner Verwirrung heraus am Hafen auf und ab, in der Hoffnung, das mich jemand erkennen würde und mich ansprechen würde.
Ich ging an einem Café vorbei und bemerkte, dass ich die Sprache der Leute nicht verstand. Ich überlegte, ich versuchte mich verzweifelt zu erinnern, doch ich schaffte es nicht. Meine Kopfschmerzen, die ich bekam, wenn ich mich erinnern wollte, blockierten meine Gedanken. In meinen Taschen war zwar ein Portemonnaie, doch ohne Geld. Nur ein paar Bilder von einer Concorde waren darin und ein Zettel, auf dem stand, dass mein Name Roxanne Quast wäre und ich mein Gedächtnis verloren hätte.

Das war der erste Anhaltspunkt!

Doch mehr war mir nicht bekannt. Am späteren Abend setzte ich mich wieder auf die Bank, auf der ich aufgewacht war und sah mir den Sonnenuntergang an. Verzweiflung stieg in mir hoch und ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Wenn ich Eltern hätte, was würden die tun, wenn ich heute nicht nach Hause käme, oder haben die mich ausgesetzt? Bin ich vielleicht weggelaufen?
    Neben mir auf der Bank saß ein Obdachloser und sah mich an. Er sprach zu mir, doch den ersten Satz konnte ich nicht verstehen und das zeigte ich ihm auch. Dann sagte er etwas, was ich verstand. Er sprach meine Sprache, was mir eine ungeheuerliche Erleichterung gab.
    Das folgende Gespräch fand in Englisch statt.
    "Verstehst du Englisch, Französisch?"
    Ich sah ihn erleichtert an und lächelte ein wenig. Zum ersten Mal an diesem langen Tag gab es etwas, das mir wieder Hoffnung gab.
    "Ja."
    "Hast du eine Mark für einen Obdachlosen?"
    "Wo bin ich hier?"
    "Das ist Hamburg. Ist alles in Ordnung mit dir, was ist geschehen?"
    "Ich weiß es nicht", sagte ich nach einer kurzen Zeit.
    "Ohne Schlafsack wirst du die Nächte nicht überstehen. Ich gebe dir einen Tipp, geh zu den Hausbooten und übernachte dort. Morgen wird dir schon alles wieder einfallen."
    Er stand auf und ging weg. Ich saß noch länger dort und bemerkte, wie die Straßen immer leerer wurden.

Nach kurzer Zeit stand ich auf und folgte dem Rat des Obdachlosen. Ich ging immer am Hafen entlang, bis ich die Hausboote sah. Dort rannten ausländische Kinder herum und sahen mich neugierig an.

Ich ging auf "Abby Stockholm", eines der Hausboote, und meldete mich bei der Anmeldung. Da dort niemand ein Wort Englisch sprach, nahm ich einen Zettel und gab ihn einem der Männer ab. Der las ihn sich durch und redete mit anderen Mitarbeitern. Dann griff er zum Telefon und rief jemanden an.

Zehn Minuten später kam die Polizei und nahm mich mit auf die Polizeiwache Altona. Dort wurde ich öfters auf Englisch gefragt, warum ich nicht sprach, oder was geschehen war. Man untersuchte mich und durchwühlte meine Taschen und befragte mich immer wieder. Ich wollte nicht mit ihnen sprechen, doch das hielt sie nicht davon ab, mich ständig weiter zu befragen. In meinem Portemonnaie fanden sie noch einen Zettel, den ich übersehen hatte. Darauf stand etwas von einer Person, die den selben Nachnamen hatte wie ich. Ich nahm an, dass es mein Vater war, doch ich konnte mich nicht richtig erinnern. Ich wurde von Sekunde zu Sekunde verstörter und wusste dann nichts mehr zu tun. Die Polizisten kamen manchmal in das Zimmer und fragten mich etwas, doch ich konnte einfach nichts sagen.

Nach etwa zwei Stunden brachten sie mich zu einer Untersuchung ins Krankenhaus. Dort musste ich wieder warten. In dieser Zeit wurden die Kopfschmerzen immer unerträglicher, doch ich wurde von anderen Gedanken verwirrt. Spät in der Nacht wurde ich von einer Station auf die andere transportiert. Erst um etwa drei Uhr morgens brachten sie mich in ein Zimmer und ließen mich schlafen.

Den ersten Tag aß ich gar nichts, den zweiten Tag erst am späten Nachmittag. Am dritten Tag kamen zwei Beamte von der Kripo und versuchten mit mir in irgendeiner Weise zu sprechen. Ich erzählte ihnen alles, was mir einfiel und einleuchtete, doch leider war es nicht die Wahrheit. Dann wurde ich in die Jugendnotunterkunft gebracht. Dort hatte ich ein Zimmer, ich hatte dreimal am Tag etwas zu essen und es waren ein paar Jugendliche und Betreuer da, mit denen ich mich gut verstand. Dort habe ich langsam angefangen zu sprechen. Ich stotterte zwar, aber durch die Jugendlichen kam ich irgendwie aus der stummen Rolle heraus. Es war toll da und ich wollte eigentlich gar nicht fort, doch drei Tage später kam einer der Betreuer und sagte mir, dass man wahrscheinlich meine Eltern gefunden hatte. Ich war für den ersten Moment geschockt. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, vor allem, als ich erfuhr, dass sie Deutsche waren. Für mich stand fest, dass es gar nicht meine Eltern sein konnten.
    Ich ging in den Raum und sah drei Personen. Ich setzte mich hin und hörte, was sie sagten. Eine Therapeutin stellte Fragen und sie fragte mich, ob ich mit meinen Eltern gehen wollte. Es war wohl klar, dass es meine Eltern waren, doch ich kannte sie nicht und wollte eigentlich nicht mit.

Doch ich packte meine Sachen und fuhr mit ihnen weg. Ich war traurig, dass ich fort musste. Fort von meinen Freunden, fort von Hamburg. Einfach mit Fremden mitzugehen war für mich schlimmer als die ganzen Untersuchungen. Nach kurzer Zeit setzte sich ein jüngerer Mann neben mich und sprach mit mir in Englisch. Er sagte mir, er wäre mein Bruder und er heiterte mich auf. Wir alberten herum und mir ging es wieder gut, doch in mir drinnen war ich traurig.

Als wir zu Hause ankamen, in einer ruhigen Kleinstadt, war ich nervös und ängstlich. Ich wollte gar nicht dort wohnen, doch ich musste. Der Rest des Tages war zum Kennenlernen. Ich lernte ein paar meiner Verwandten kennen und auch mein Zimmer. Dort schlief ich, bis auf einmal eine Frau an meinem Bett stand und mir Fragen stellte. Ich verstand nicht, was sie sagte und ich wollte nicht mit ihr zusammen in einem Raum sein, doch meine Mutter ließ mich mit ihr allein. Wie ich später erfahren habe, war es die Hausärztin, die mich schon lange kannte. Für den Rest des Abends konnte ich schlafen und fernsehen.
    Am nächsten Morgen frühstückte ich und musste fort von zu Hause. Ich wurde zur KJP gebracht, weil ich immer noch kein Deutsch sprach. Dort wurde ich auf Station gebracht und ich musste hier bleiben. Seitdem spreche ich zwar wieder deutsch, doch ich bin noch immer krank. Mein Gedächtnis habe ich noch nicht wiedererlangt, doch es kommen immer wieder kleine Bruchstücke zurück. An meine Eltern kann ich mich noch immer nicht erinnern, aber ich bin schon über einen Monat hier und will nicht mehr zurück in mein Zuhause. Für mich ich die KJP ein neues Zuhause.

Goofy, 15, "Irre, Mensch!", Kassel

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