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Wie kann man sowas nur machen?

So was hört man öfter, wenn andere mitkriegen, dass man ritzt. Doch die wenigsten wissen, was dahinter steckt, wenn man sich selber weh tun muss.

Ritzen, in der Fachsprache " Autoaggression" oder kurz SVV (selbstverletzendes Verhalten) genannt, ist eine (ungesunde) Möglichkeit, Emotionen wie Trauer und Wut rauszulassen. Besonders unter Mädchen ist dieser Aggressionsabbau weit verbreitet, doch auch Jungen verletzen sich selbst. Mit Messern, Scheren, Glasscherben und Rasierklingen verstümmelt man seinen Körper, man kratzt sich die Haut so lange auf, bis sie blutet oder drückt Zigaretten auf ihr aus. Das mag für andere anormal, vielleicht sogar pervers klingen, deshalb möchte ich versuchen zu erklären, warum man das sich und seinem Körper antut:

Wenn man ritzt, befindet man sich meistens in einem Rausch von Gefühlen. Man verspürt einen ungeheuren Druck und überträgt die Gefühle von Wut und Hass auf sich selbst. Oft kommt noch hinzu, dass man nicht mehr weiß, ob man überhaupt noch existiert, wenn die seelischen Schmerzen einen geradezu auffressen. Durch das Ritzen und die damit verbundenen Schmerzen wird man wieder in die Realität zurückgeholt. Die seelischen Schmerzen werden in körperliche Schmerzen umgewandelt.

Die Wut ist eigentlich gegen ganz andere Leute gerichtet, aber eine innere Blockade hindert daran, die Wut da rauszulassen, wo sie hingehört.

Oft kommt dann noch ein geringes Selbstwertgefühl hinzu. Ritzen kann auch eine Bestrafung sein, wenn man mit sich selbst nicht zufrieden ist.

Zum Ritzen bedarf es nicht immer eines Auslösers, so dass das Ritzen als Kurzschlussreaktion gehandhabt wird.

Es ist Verzweiflung, Ohnmacht und innere Leere, die einen zum Ritzen bringen können, das ist ganz individuell.

Wenn man schon einige Zeit lang ritzt, spürt man bald kaum noch Schmerzen, deshalb muss man tiefer und tiefer ritzen, um den befreienden Schmerz zu spüren und so seine Traurigkeit betäuben zu können, wenigstens für einen Moment.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Ritzen Suchtcharakter bekommen kann, da bei der Prozedur Hormone freigesetzt werden, die Glücksgefühle bewirken können.

Deshalb wird das Ritzen von vielen als Erleichterung angesehen, auch wenn die Probleme bleiben.

Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass Ritzen auf keinen Fall zu empfehlen ist. Die Narben, die zurückbleiben, sind ein Leben lang zu sehen.

Außerdem kann man aus Versehen zu tief schneiden, wenn man sich nicht mehr unter Kontrolle hat.

Leute, die ritzen, müssen lernen, anders mit ihren Problemen umzugehen. Deshalb ist es wichtig, dass andere Menschen sie nicht abstempeln und verurteilen, sondern sie unterstützen. Denn es ist sehr schwer, vom Ritzen wieder loszukommen!

Idgie, 18, Irre, Mensch!, Kassel

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