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Interview mit Frau Schultze-Dingerkuss

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Psychologin in der Kindertagesklinik am EVK über ihre Erfahrungen mit magersüchtigen Jugendlichen

Janina, 16 Jahre und selbst betroffen unterhielt sich mit der beliebten Therapeutin

In welchem Verhältnis stehen magersüchtige Jungen zu magersüchtigen Mädchen?
  • Es gibt viel weniger Jungen als Mädchen mir Magersucht, die Tendenz der Jungen ist allerdings steigend. Ich selbst hatte in der Zeit, in der ich hier bin (4 ½ Jahre), noch keinen Jungen in Therapie. Ich habe allerdings 2 Fälle von Jungen mit Magersucht mitbekommen.
Wie viele Magersüchtige sind zu Beginn ihrer Krankheit wirklich zu dick, haben also einen Grund abnehmen zu wollen?
  • Ca. 1/5 der Magersüchtigen, die ich behandelt habe, waren anfangs wirklich zu dick. Die Übrigen sind eigentlich völlig in Ordnung von ihrem Gewicht her, finden sich aber zu dick.
Wo liegen die häufigsten Ursachen für Magersucht?
  • Meistens sind die Ursachen im Umfeld zu finden, also in der Familie, im Freundeskreis usw. Es kommt allerdings auch auf die Persönlichkeit und auf die Veranlagung an. Auf die Veranlagung insofern, dass manche Jugendliche einfach dazu neigen, mit dem Essen auf Probleme oder Veränderungen zu reagieren.
Lässt sich vorhersagen, wie es mit einem/einer Magersüchtigen nach der Entlassung weitergeht?
  • Das ist unterschiedlich. Manchmal bestätigt sich ein schlechtes Gefühl durch einen Rückfall und ein gutes Gefühl dadurch, dass es keinen Rückfall gibt. Es gibt aber auch immer wieder Überraschungen, in beide Richtungen.
Hat ein Therapie überhaupt Sinn, wenn die Betroffenen nicht mitarbeiten?
  • Das kommt darauf an, wie alt der/die Betroffene ist. Grundsätzlich hängt es aber immer am Kranken. Ist er/sie bereit etwas zu ändern, lässt sich fast immer etwas tun. Die Eltern können eine wichtige Stütze sein, vor allem wenn die Einsicht bei der/dem Magersüchtigen anfangs fehlt.
Kennen Sie Fälle von Magersucht, die zum Tod geführt haben?
  • Ich selbst habe noch keinen erlebt. Ich weiß aber von einem Fall, bei dem vor Jahren ein Mädchen gestorben ist, nachdem sie die Tagesklinik schon längst verlassen hatte, also rückfällig geworden ist.
Gibt es Merkmale, die sich bei allen Magersüchtigen zeigen?
  • Zwei Dinge ganz sicher: Sie sind alle sehr dünn und beschäftigen sich ausgiebig mit dem Essen und ihrem Körper. Was mir bei vielen auffallt ist, dass sie extrem ordentlich und ehrgeizig sind. Häufig setzen sie sich selbst stark unter Druck und sind sehr bemüht es allen Recht zu machen.
Gibt es bei Magersucht die Chance auf eine 100%-ige Heilung?
  • Ja, die gibt es.

Wie alt war Ihr jüngster Fall?
  • Sie war 10. Ich hatte auch schon zwei 11-jährige Mädchen in Behandlung. In diesem Alter, also noch vor der Pubertät, liegen die Ursachen meistens bei der Familie. Ihr Verhalten bezüglich der Krankheit unterscheidet sich jedoch nicht von dem der älteren Betroffenen.
Was berührt Sie am meisten bei der Behandlung von Magersüchtigen?
  • Die Power mancher Mädchen, mit der sie die Magersucht besiegen wollen, wenn sie die ganze Kraft, die sie mal ins Abnehmen gesteckt haben nun in andere Dinge stecken. Das ist mit das Schönste, zu beobachten.
Was schockiert Sie am meisten, wenn sie mit Magersüchtigen arbeiten?
  • Wenn die Betroffene keine Perspektiven mehr hat und keine Veränderung bzw. Verbesserung in Sicht ist. Schlimm ist auch, wenn die Unterstützung der Eltern fehlt oder wenn sie die Tochter aufgeben.
Gibt es für Magersüchtige auch positive Aspekte an der Krankheit?
  • Viele, mit denen ich später spreche, erzählen, dass sie nun viel mehr Selbstsicherheit haben und durch die Krankheit erwachsener und auch reifer geworden sind. Sie haben durch die Krankheit viel über sich und über die eigenen Bedürfnisse gelernt.
Vielen Dank für dieses Gespräch!

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