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"Selbstverletzendes Verhalten"

Interview mit Fr. Dr. Ott

Klapse: Wie definieren Sie selbstverletzendes Verhalten?

Fr. Dr. Ott: SVV (selbstverletzendes Verhalten) kommt in verschiedenen Formen vor und wird absichtlich zugefügt. Die Patienten (im Klinikbereich) ritzen sich am häufigsten und fügen sich selbst Brandwunden zu. Sich Piercings stechen zu lassen ist für mich nahe an der Grenze von SVV.

Klapse: Glauben Sie, dass Sie auch selbstverletzendes Verhalten zeigen?

Fr. Dr. Ott: Ich glaube es nicht, da ich sehr vorsichtig bin. Außerdem achte ich sehr auf das Verletzungsrisiko.

Klapse: Wie stehen sie zu Personen, die sich selbst verletzen, wenn Sie selber darauf achten, sich nicht zu verletzen?

Fr. Dr. Ott: Es hängt von der Begegnung ab. Aber ich nehme die Personen ernst und versuche, ihnen zu helfen und höre zu.

Klapse: Ist jemand, der sich selbst verletzt auch gleichzeitig suizidgefährdet?

Fr. Dr. Ott: Man ist nicht automatisch suizidgefährdet, nur weil man sich selbstverletzt. Es kommt ganz auf den Menschen an und die Geschichte, die man erlebt hat. Man sollte fachliche Hilfe einbeziehen, wenn jemand sich selbst verletzt. Oft ist die Selbstverletzung auch erstes Ausprobieren. Sobald sich jemand selbstverletzt, will derjenige oft die Spannung regulieren.

Klapse: Was denken sie, was die Personen dabei fühlen?

Fr. Dr. Ott: Ich selber kann nicht sagen, was die Menschen dabei fühlen. Denn ich kenne nur das, was mir erzählt wird. Viele erzählen auch, dass sie durch den Schmerz, den sie sich selber zufügen, erst wieder spüren, auch wirklich zu leben. Doch auch wenn das Blut anfängt zu fließen, ist das für viele ein befreiendes Gefühl.

Klapse: Was würden Sie aus ihrer Sicht sagen, welches die häufigsten Motive für SVV sind?

Fr. Dr. Ott: Meiner Meinung nach sind die häufigsten Gründe für die Selbstverletzung
Hilferufe, der Wunsch zur Gruppe zu gehören, etwas auszudrücken ohne Worte und Spannung zu regulieren.

Klapse: Was denken Sie, wenn man Ihnen das Wort "Selbstverletzung" nennt?

Fr. Dr. Ott: Es kommt ganz auf den Zusammenhang an, und in welcher Situation es benutzt wird.

Klapse: Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es und welche bieten sich besonders an?

Fr. Dr. Ott: Die Behandlung ist in verschiedene Ebenen unterteilt. Es gibt die ambulante und die klinische Behandlung. Es kommt ganz darauf an, was man hier erreichen will, bzw. was man schon erreicht hat. Die Aufgabe der Klinik besteht nicht darin, einem Vorschriften zu machen, sondern sie soll einem helfen, Lösungen / Möglichkeiten zu finden. Es kommt aber ganz darauf an, wie man mit den Betreuern zusammenarbeiten kann. Die Klinik soll einen auch anregen, begleiten und helfen, seinen eigenen Selbstschutz wiederzuerlangen.

Klapse: Wie stehen die Behandlungschancen, die Krankheit komplett auszukurieren?

Fr. Dr. Ott: Es hängt ganz vom Menschen ab, wie weit man die Krankheit auskurieren kann. Aber es ist auch wichtig zu wissen, ob es ein festes Ritual ist oder eine vorübergehende Krisensituation. Für viele ist SVV ein fester Partner, der sie nicht im Stich lässt. Meiner Meinung nach ist SVV auch keine Krankheit, sondern nur ein Symptom von vielen, wenn man sich selbstverletzt.

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Klapse: Hatten sie schon mal persönlich in der Familie, Bekannte, etc. mit Personen zu tun, die SVV zeigen?

Fr. Dr. Ott: Bis jetzt habe ich so was noch nicht erlebt. Ich glaube auch, dass nicht jeder gleich eine Störung hat, weil er sich selbstverletzt. Denn sich selbst zu verletzten, ist seit einiger Zeit so eine Art Modeerscheinung, da sie in den ca. letzten 10 Jahren stark zugenommen hat.

Klapse: Wir würden Ihnen jetzt gern noch ein paar persönliche Fragen stellen. Rauchen Sie?

Fr. Dr. Ott: Ich habe es früher mal ausprobiert, dabei habe ich eine halbe Zigarette geraucht. Heute rauche ich nicht und zu meiner Zeit hat die halbe Zigarette auch schon nicht geschmeckt.

Klapse: Trinken sie denn Kaffee?

Fr. Dr. Ott: Früher zu meiner Studienzeit habe ich viel Kaffee getrunken, heute trinke ich nur noch sehr wenig. Ich kann gar nicht mehr verstehen, dass ich Kaffee mal so gerne getrunken habe.

Klapse: Brauchen Sie denn morgens oder beim Stress etwas ähnliches wie einen Muntermacher?

Fr. Dr. Ott: Es ist eher das Gegenteil. Bei Stress sind mir entspannendere Dinge lieber, wie z.B. ein schönes Vollbad, Musik oder ein netter Smalltalk. Aber auch ein gemütliches, langes Frühstück mit viel Tee ist entspannend.

Klapse: Wussten Sie, das fast jeder Mensch SVV zeigt, z. B. mit Zigaretten, Kaffee, Drogen, ... etc.?

Fr. Dr. Ott: Ich glaube es eher nicht, dass sich fast jeder Mensch selbst verletzt. Denn beim Kaffee ist bis jetzt noch nichts nachgewiesen worden. Die Erwachsenen geben meiner Meinung nach auch ein schlechtes Vorbild ab, mit den Zigaretten und dem Alkohol.

Klapse: Vielen Dank, für das Beantworten der Fragen!!!

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