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Mein Leben mit dem Ritzen

Vanessa, 17

Bild Diesen Titel habe ich bewusst gewählt, weil das Ritzen inzwischen zu einem Teil meines Lebens geworden ist. Zu einem ganz Wichtigen. Ich ritze nun schon seit 2 ½ Jahren, aber das ist nur die auffälligste Form der Selbstverletzung. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mir, bevor ich mit dem Ritzen angefangen habe, von meiner Katze die Hände zerkratzen ließ.
Früher fiel mir nicht auf, dass dieses Verhalten "anders" war.
Alle Leute sprachen mich auf meine Hände an, weil die echt hart aussahen. Aber mir war es egal. Irgendwas gefiel mir an diesen zerkratzten Händen.
Als die Katze weg war, kam ich irgendwann auf den Trichter, meinen Kopf vor die Wand zu schlagen. Nicht sonderlich feste, aber lange und immer im gleichen Rhythmus. Wenn mal was zu schlimm für mich wurde, schlug ich auch mal was fester zu, aber nie so, dass ich mich ernsthaft verletzte. Zu der Zeit konnte ich mir echt nicht vorstellen, mich z.B. mit Rasierklingen zu schneiden, wie ich es vorher in Berichten gesehen hatte.
Ich fand das Gefühl, mir in die Haut zu schneiden, echt abartig.
Deswegen "hackte" ich mir bei meinem ersten Ritzen auch mit einem Küchenmesser in`s Bein. Ich weiß nur noch, dass ich zu diesem Zeitpunkt das Gefühl hatte, mein Leben wäre kaputt und vorbei. Ich saß weinend und verzweifelt auf meinem Bett (wie so oft). Ich griff zu dem Messer, das ich als "Schutz" immer bei mir hatte und schlug es mir nach kurzem Betrachten in`s Bein. Außerdem versuchte ich, mir die Pulsadern aufzuschneiden. Der Versuch war total unrealistisch, aber es war das erste Mal, dass ich mich bewusst selbst verletzte.
Ich sollte nach Grafenberg, aber wollte nicht. Die zwei Wochen, bevor ich dann freiwillig auf Station ging, ritzte ich jeden Abend und es tat mir gut.
Inzwischen ist das Ritzen zu einem echten Problem geworden.
Ich ritze immer heftiger, aus den früheren "Kratzern" sind inzwischen heftige Wunden geworden, die nicht selten genäht werden müssen. Ich kann mir schon gar nicht mehr vorstellen, ohne Ritzen zu sein. Auch wenn ich echt schon schlimme Narben habe. Ich kann mir meine Beine schon fast selber nicht mehr ansehen. Aber das ist in diesem Moment, in dem ich diesen heftigen Druck spüre, egal. Für mich zählt dann nur noch Eins: Schneiden. Denn in diesen Momenten sind meine "inneren Schmerzen" so groß, dass ich glaube, es einfach nicht mehr auszuhalten. Ich wünsche mir sogar, zu sterben. Der Druck baut sich dann immer weiter auf. Je mehr ich an die Schnitte denke, umso stärker sehne ich mich nach ihnen. Irgendwann greife ich dann nach der Klinge, setze an,
mach die Augen zu und setze alle meine Gefühle in diesen Schnitt.
Dann öffne ich die Augen und wenn der Schnitt von der Schlimme her meinen Gefühlen entspricht, war es das. Ansonsten mache ich solange weiter, bis ich das Gefühl habe, es reicht. Es kann Minuten bis Tage dauern, bis ich erst wahrnehme, was ich da getan habe und die Situation mal von "außen" sehe. Klar weiß ich in dem Moment was ich tue, aber es ist, als wäre ich weggedriftet. In dem Moment zählt nur noch das Schneiden. In seltenen Fällen habe ich Glück und kann danach weinen. Dann werde ich alle Spannung los und ich bin total befreit. Dann brauche ich auch länger nicht mehr zu ritzen. Das Problem ist halt nur, dass ich nicht mehr wirklich weinen kann.
Allerdings ist das Ritzen wohl nur die härteste oder auffälligste Form von Selbstverletzung. Zusätzlich kratze ich mir selber die Arme blutig, greife zu Drogen, vernachlässige mich oder tue Dinge, bei denen ich spüre und weiß, dass sie schlecht für mich sind. Dazu gehört auch z.B. mit Leuten zusammen sein, die schlecht mit mir umgehen und die mir das Gefühl geben, Dreck zu sein. Auch habe ich früher geraucht, um mich selbst zu schädigen.
Ich kann mir ein Leben ohne Selbstverletzung überhaupt nicht mehr vorstellen.

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