Warum ich hier bin
Melanie (15)
Hier gelandet bin ich wegen einer Essstörung. Diese fing mit einer völlig normalen Diät im Sommer 05 an. Dick war ich aber nie wirklich gewesen. Zwar schaute schon ein wenig Speck an den Seiten der Hose heraus, aber ich fühlte mich wohl in meiner Haut. Dieser "Speck" kam daher, weil ich sicher fast jeden Abend eine Chipstüte geleert hatte und größtenteils nur Dinge aß, die einen nun mal dick machten. So kam es dazu, dass ich letzten Endes 53kg bei einer Größe von 1,54m wog.
Mir selbst fiel dies allerdings nie auf, denn ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, was ich da aß und wie viel darin enthalten war.
Klar wollte ich mal ein bis zwei Kilo abnehmen. Ich meine, wer wollte das nicht? Geschafft habe ich es aber nie. Zu groß war der Reiz, etwas zu essen, worauf ich Hunger hatte. Ganz egal, was es war.
Irgendwann packte mich dann aber doch der Ehrgeiz und die Worte meiner Mutter. Sie meinte, ich solle ein bisschen darauf achten, was ich esse. Anfangs war mir das aber egal und ich wollte nichts von einer Diät wissen, denn so etwas hatte ich nie nötig, und dann auf einmal? Nein, nicht mit mir! Und so aß ich weiter. Jedoch nicht mehr vor meiner Mutter. Wenn ich abends nach Hause kam, hatte ich immer eine Chipstüte oder irgend etwas anderes heimlich in meiner Tasche. Aber immer so, dass meine Mutter es nicht mitbekam. Die leeren Tüten tat ich auch nicht so wie es sich eigentlich gehört in den Müll, sondern in eine der sechs Schubladen meiner beiden Kommoden. Die erste Zeit ging es auch gut, doch nach einer Weile sprach meine Mutter mich darauf an. Sie hatte es gesehen. Mir war das total unangenehm, doch später beschlossen wir, dass ich eine Diät machen soll. Wir haben meine Ernährung geändert und natürlich von allem etwas weniger. D.h. also, es gab keine Chips etc. mehr.
Der Anfang war nicht so leicht und es fiel mir schwer, auf manche Dinge verzichten zu müssen. Doch nachdem die ersten Kilos fielen, motivierte einen das schon sehr. Man hatte das Gefühl, etwas geschafft zu haben und das tat richtig gut. Während meiner Diät hatte ich auch einen Freund, der mich, wo es nur ging, unterstützte. Er hat allerdings auch nie etwas negatives über meine Figur gesagt, geschweige denn über mein Gewicht. Das wusste er nicht, weil mir die Zahl im nachhinein doch peinlich war. Erst als ich 47kg wog, verriet ich sie ihm und wie viel ich noch vorhabe, abzunehmen. 42-43kg waren geplant und ich meinte immer aus Spaß, 39kg wären doch auch nicht schlimm. Diese paar Kilos machen doch keinen Unterschied.
Ich wollte genau das Gegenteil hören, dass sie wohl einen Unterschied ausmachen würden. Und genau das bekam ich zu hören. Ich fand es toll, auch wenn es komisch klingen mag. Dieses Gefühl. Man kam sich einzigartig vor und besonders. Anders eben...
Na ja, wie dem auch sei.
Als ich 45kg erreicht hatte, fing ich an, ein seltsames Essverhalten zu entwickeln. In der Schule aß ich an einem Brot 20 Minuten und es kamen ein, zwei blöde Kommentare von Mitschülern, aber das war mir egal. Nachdem ich 42kg auf die Waage brachte, hatten wir gerade Herbstferien und mein Vater schlug mir vor, die zweite Ferienwoche mit ihm nach Rostock zu meiner Oma zu fahren. Ich konnte es kaum erwarten, denn ich liebe diesen Ort. Es war mal was anderes, keine Fabriken etc., sondern Land. Sie besitzt nämlich einen Bauernhof, mit allem was so dazu gehört an Tieren etc. Also war es eine ganze Ecke anders als Düsseldorf. Als es soweit war hatte ich mich bevor es losging, noch gewogen: 41,8kg. Auf der Hinfahrt, die an die sechs bis sieben Stunden gedauert hatte, weil wir im Stau standen, aß ich nur ein Brot mit Putenwurst und trank nichts. Meine Oma, die mich sofort begrüßt und in den Arm genommen hatte, nachdem wir angekommen waren, meinte direkt, wie dünn ich doch geworden sei. Zudem kochte sie für meinen Vater und mich noch eine Kleinigkeit, von der ich aber nur wenig aß. Dies ging die nächstens zwei Tage genauso weiter. Selbst wenn man mir etwas wie Eis, was ich wirklich gern gegessen hätte, anbot, sagte ich "nein" und sah zu, wie die anderen eins aßen. Abends war ich dann immer stolz auf mich, und konnte sagen, ich habe es geschafft zu widerstehen. Kaum waren wir wieder zu Hause, stand ich wie immer sofort auf der Waage, denn meine Oma hatte keine. Sie zeigte das Gewicht an, mit dem ich losgefahren bin: 41,8kg. Dies machte mich sauer. Wofür bin ich da schließlich so viel rumgelatscht und habe mich bewegt, wenn ich immer noch dasselbe wiege?
Man kann sagen, dies war der Anfang meiner Krankheit. Denn ich fing an, noch weniger zu essen. Zwei Brote und einen Salat am Tag, insofern wir welchen hatten. Am Anfang der Diät aß ich ja noch normal. Mittagessen etc. alles war kein Thema gewesen, nur eben weniger, was dann ja nicht mehr der Fall war. Einmal war es auch so, dass meine Mutter mal nicht gekocht hatte und ich sie drum bat, mir dann ein Pfannenei (Omelett) zu machen, weil irgendwas wollte ich schon essen. Abends löffelte ich dann noch einen Pudding und trank einen Kaffee. Wie immer stand ich dann am nächsten Tag wieder auf der Waage und sah, dass ich abgenommen hatte. So fing ich an, mich nur noch einseitig zu ernähren. Die erste Woche verging, in der ich mich ausschließlich nur so ernährt hatte und gerade, als ich mir wieder eins machen wollte, kam mein Bruder auf mich zu und meinte: "Schon wieder dasselbe?!" Ich nickte und tat so, als wäre es völlig normal, nur dasselbe zu essen. Drei Monate lang ging das so weiter, Tag für Tag. Ich hatte sogar schon "feste Zeiten" wie 18Uhr, 18.30Uhr, um es zu essen. Den ganzen Tag hatte ich mich dann darauf gefreut und konnte nur daran denken. Zuvor ging ich aber noch mit meinem Hund eine Runde. Mir war es egal, wenn andere es ekelhaft fanden, drei Monate lang immer nur dasselbe zu essen. Sie verstanden ja doch nicht den Grund. Zu diesem Zeitpunkt brachte ich nur noch ca. 37kg auf die Waage. Und wenn ich am nächsten Tag nur 100g mehr wog, aß ich den ganzen Tag nichts und nahm natürlich sofort knapp einen Kilo ab und war wieder zufrieden. Inzwischen war ich auch nicht mehr mit meinem Freund zusammen und konnte mich so noch intensiver um mein Gewicht und ums Essen kümmern. Mir war alles egal und zog mich so immer mehr zurück, traf mich nur noch selten mit Freunden, wurde aber immer besser in der Schule, weil ich das Lernen als Ablenkung vom Essen ansah und mir so die Zeit bis 18.30Uhr vertrieb. Ich verbot mir selber etwas anderes zu essen, weil ich sonst ein schlechtes Gewissen gehabt hätte. Nicht mal trinken wollte ich. Für mich war auch Mittwochs ein "schwarzer" Tag, weil ich da immer Hauswirtschaft hatte, also Kochen. Aber ich war ehrlich zu der Lehrerin, die ich in dem Fach hatte und meinte: "Wenn ich hier jetzt etwas essen muss, esse ich den ganzen Tag nichts mehr." Sie verstand es zwar nicht, ließ mich aber trotzdem. Einige Mitschüler fragten jedoch, warum ich nichts essen würde und warum ich so dünn wäre. Selbst die Bemerkung "Du Magersüchtige" fiel schon. Immer wenn dies geschah, hielten meine Freundinnen zu mir und halfen mir, die Fragen abzublocken. Ich selber sah mich natürlich alles andere als dünn. 100g sah ich als Kilo an, deswegen aß ich am nächsten Tag nichts, wenn ich 100g zugenommen hatte. Ich wollte das alles nicht wahr haben, ignorierte alles und war froh, wenn ich zu Hause in meinem Bett lag, weil mir so kalt war und ich mich schwach fühlte. Doch nichts half, und ich lag schließlich so gut wie jeden Tag in der Badewanne oder hing an der Heizung mit meinen Händen. Dennoch zwang ich mich weiterhin, mit meinem Hund dreimal am Tag drei große Runden zu gehen. Jede Runde, die ich mit ihm ging, war eine "Abhetzerei" für mich. Immer wenn ich diese Runden hinter mich gebracht hatte, fühlte ich mich gut, weil ich wusste, ich habe etwas für mich getan. Die letzten paar Tage, bevor ich ins EVK kam, waren die schlimmsten, denn ich aß nur noch einen Apfel am Tag oder einen Salat am Tag und trank nichts. Ich war praktisch am Ende meiner Kräfte, zeigte dies jedoch niemandem, weder in der Schule, noch vor meiner Familie. Aber es gab immer häufiger Streit, weil ich nicht mehr normal gegessen hatte. Kurze Zeit später kam mein großer Bruder mit seiner Freundin, die Medizin studiert, in mein Zimmer rein, als ich fix und fertig auf meinem Bett lag. Sie machten sich große Sorgen um mich und wollten, dass ich mit ihnen und meiner Mutter in die Uni-Klinik fahre. Zunächst zögerte ich und kämpfte mit den Tränen, weil ich das alles weder glauben konnte, noch wollte. Sagte schließlich dann doch ja. Dort angekommen, mussten wir an die zwei bis drei Stunden warten, bis wir dran kamen. Als ich dann an der Reihe war, wurde ich untersucht und gewogen: 36 kg. Es war nicht so niedrig, dass ich hätte da bleiben müssen. Wir machten dennoch eine Woche später (für den 02.02.06) einen Termin mit einer Beraterin der Klinik aus. Ich begriff nicht ganz, was das alles sollte und nahm in dieser Woche bis zu dem Termin weitere zwei Kilo ab. Als der Tag kam, an dem wir dorthin sollten, erzählte die Beraterin irgendwas von Grafenberg und das wir dorthin fahren sollten. Ich wollte das alles gar nicht hören und saß daneben und sprach nur, wenn man mich etwas fragte. Mein Vater und mein großer Bruder waren mit dabei, und sie hielten es natürlich für richtig was, die Beraterin sagte und fuhren sofort nach Grafenberg. Ich hatte ja keine andere Wahl außer mitfahren zu müssen. Als wir dort eintrafen stellte man fest, dass ich selbst für die zu wenig wiegen würde. 34 kg waren einfach zu riskant bzw. wenn ich umkippen würde, wäre ein Arzt nicht sofort zur Stelle, weil das Gelände ja riesig ist und dies wollte man einfach nicht riskieren. So wurden wir also wieder zur Uni-Klinik geschickt. Diese riefen sofort im EVK an. Dort gab es einen Platz für mich und sie waren wie ich hinterher erfuhr, "spezialisiert" auf Anorexie Kranke bzw. behandeln diese Krankheit. Ich kam sofort auf Station 8b ins Beobachtungszimmer. Mir war nicht klar, dass ich ein "Notfall" war, denn ich beschwerte mich so ziemlich über alles dort. Wieso z.B. ein Fenster mitten im Zimmer war, wieso ich nicht wie alle anderen eine Toilette auf dem Zimmer habe etc. Zudem hatte ich noch nicht einmal eine Ahnung, was Anorexia Nervosa überhaupt bedeutet. Man muss sich das in etwa so vorstellen: Der Arzt kommt ins Zimmer, redet, redet und redet und plötzlich meint er, du hättest Anorexia Nervosa und du hast so was von überhaupt keine Ahnung, was das eigentlich ist. Ich fragte mich die ganze Zeit, ob ich den Arzt jetzt fragen soll, was das ist, aber ich ließ es doch. Denn ich war auch so schon total fertig, dass ich überhaupt ins Krankenhaus soll bzw. musste, weil ich dachte, ich könne am nächsten Tag schon wieder in die Schule. Die ersten zwei Tage waren die Hölle für mich, doch ich fing an, mich an die Situation zu gewöhnen oder anders gesagt, was blieb mir denn sonst übrig? Alles nahm seinen Lauf, und ich lernte andere Anorexie kranke Mädchen kennen, mit denen ich mich gut unterhalten konnte. Nach ca. zwei Wochen kam ich eine Psychologin, mit der ich reden konnte und die mir alles erklärt hat, wie es nun weiter gehen würde etc. Eine Woche später bekam ich einen "Stufenplan", der nach meinem Gewicht ging. Man musste wenn man nach dem Plan gehen würde jede Woche 500g zunehmen. Dies war nicht immer leicht. Und wenn man es am Mittwoch, dem sogenannten Stichtag, nicht geschafft hatte zuzunehmen, hat man halt Pech gehabt. Selbst, wenn nur 100g fehlten. Es war hart, aber nur so bekam man einen Grund, überhaupt zunehmen zu müssen. Je mehr Gewicht, umso mehr Freiheiten bekam man. Bei mir ging es erst ein wenig langsam voran, dann aber relativ zügig, denn ich wollte nach Hause, in mein Zimmer, in meinem Bett schlafen, und das nicht nur am Wochenende. Bevor ich diesen Plan bekommen habe, fand ich es toll, wenn ich selbst in der Klinik abgenommen habe, um das meiner Familie berichten zu können. Wenn es aber anders war, also dass ich zugenommen habe, fand ich es natürlich alles andere als toll. Wiederum fand dies dann meine Familie toll. Na ja, jedenfalls wollte ich so schnell wie möglich in die Tagesklinik! Dies Das einzig "positive" an der Krankheit war, dass ich immer besser in der Schule wurde. Das wird auch so bleiben. Dafür "brauche" ich keine Krankheit...
Derzeit besuche ich die Alfred-Adler Schule, denn diese Schule gehört zur Tagesklinik und ich persönlich komme dort sehr gut klar. Aber um diese Krankheit besiegen zu können, benötigt man viel Kraft, sehr viel... Auch bei so etwas fließen Tränen... Niemandem wünsche ich diese Krankheit!
Eure Melanie (15)