Jessica, 14 Jahre
Es war der 19. April als unser Telefon klingelte und meine Mutter sehr lange telefonierte. Sie weinte dabei sehr viel. Als sie aufgelegt hatte, fragte ich sie, was denn passiert sei. Sie erklärte mir, dass der Junge, mit dem wir 12 Jahre zusammen gelebt haben, sich vor einen Zug geworfen hätte.
Ich habe erst wirklich angefangen dies zu begreifen, als wir mit seinen Freunden und seiner Familie vor seinem Grab standen. Der Sarg wurde langsam in das dunkle Erdloch herab gelassen. Monate danach habe ich mich entschlossen, neue Freunde zu suchen. Doch nicht ich habe sie gefunden, sondern sie mich.
Wir verbrachten viel Zeit zusammen und ich lernte eine Menge neuer Leute kennen. Darunter war auch mein jetziger Freund.
Obwohl ich wirklich das Gefühl hatte, dazu zugehören, fühlte ich mich sehr alleine
und begann, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Ich verbrachte viel Zeit alleine in meinem Zimmer und weinte.
Am 6 Juni kam ich dann endlich mit meinem Freund zusammen. Ich dachte, jetzt habe ich jemanden, mit dem ich sprechen kann..... Doch leider war dies nicht der Fall. Er verbrachte nur Zeit mit sich und seinem Leben, ohne nach mir zu sehen, ohne sich umzudrehen, nur damit er glücklich wird.
Ich merkte, dass ich die Welt nur noch hinter einer Glaswand sehe.
So, als wenn ich da stehe, mich niemand sieht und keiner meine Schmerzen kennt. Ich begann, meine Gefühle zu vernichten, sie einfach auszuschalten und nichts mehr an mich heran zulassen.
Dann kam unser erster Streit. Ich fühlte nichts, gar keine Wut, keine Trauer....... Als er gegangen war und wir uns wieder vertragen hatten, platzte die Wut, die Trauer, dieEnttäuschung, alles, was mich in den letzten Monaten bedrückt hatte heraus. Ich nahm eine Glasscherbe und schnitt solange auf meinen Arm ein bis das Blut auf den Boden tropfte.
Ich fühlte mich zum ersten Mal seit Monaten wieder lebendig.
Ich sprach mit niemandem und versuchte es zu vergessen. Denn niemand verstand. Alle meinten, ich solle es einfach lassen. Doch ich merkte, dass ich nicht mehr leben könne, ohne mich zu ritzen. Ich hatte nur einen Wunsch:
,,Ich will schlafen, am besten für immer!"
Mein Freund bemerkte endlich, was in mir drinnen vorging. Er sprach ziemlich lange und ziemlich häufig mit mir. Ich hatte das erste Mal das Gefühl, dass er mich hörte, dass er mich versteht. Nichts war mehr so wie es vorher war. Er brachte mir meine Gefühle wieder. Alles von dem ich dachte, ich hätte es verloren.
Doch leider war in mir immer noch alles schwarz.
Es war wie ein Schleier, der sich über meine Seele legte und nur immer wieder ganz kurz von einem Windstoß hoch geweht wurde und dann sanft wieder nach unten flog. Ich dachte immer daran, dass ich jetzt tot sei. Doch erst wenn ich körperlich tot sei, werde ich begraben. Inzwischen bin ich hier und mir geht's schon viel besser.... Alles hat wieder mehr Farbe bekommen..
Das Grau ist jetzt wieder da wo es hingehört.