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Ein völlig neues Lebensgefühl...

Sarah, 16


Es fing mit einer harmlosen Diät vor ca. zwei Jahren an...
Ich war pummelig und wollte mein Gewicht etwas reduzieren. Anstatt der zahlreichen Süßigkeiten, die ich zuvor gegessen hatte, begann ich anfangs mit etwas "Sport". Ich fing an zu walken und tanzen zu gehen und reduzierte mein Schnuckern zwischendurch.
Die ersten 5-7 Kilos verlor ich sehr langsam.


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Nach einem Wanderlager hatte ich endlich mein Ziel erreicht: 7 Kilo waren runter und ich war zufrieden mit mir.
Damals genoss ich das Essen noch. Ich aß zwischendurch Schokolade oder Weingummis. Aber irgendwie reichten mir die Kilos noch nicht. Meine Zwillingsschwester war viel dünner und sah so hübsch aus!
So wollte ich auch sein! Schlank und hübsch!
Also ließ ich - anfangs mit viel Mühe - die Süßigkeiten weg. Erste Erfolge kamen, doch mir ging es nicht schnell genug. So fing ich an, oft mit meinem Pflegehund spazieren zu gehen, zum Mittagessen weg zu sein und das Abendessen ganz ausfallen zu lassen.
Ich war immer so stolz, wenn ich wenig gegessen hatte, das Hungergefühl ignoriert und nur Wasser getrunken hatte.
Vor etwa einem Jahr hatte ich dann mit noch normalem Essen (2x Frühstück, Mittagessen und abends gelegentlich Erdnüsse oder Salzstangen) mein zweites Ziel erreicht: Ich war so schön schlank, wie meine Schwester.
Ich wog damals zwar noch 6 Kilo mehr als sie, fühlte mich aber pudelwohl in meiner Haut.
Das Einzige, was mich beunruhigte, war meine Schwester. Ich machte mir Sorgen um sie, weil sie zu dünn war. Nach ein paar (Streit-) Gesprächen vereinbarten wir beide ein Gewicht, auf dem wir uns treffen wollten.
Ich nahm soweit ab, sie zu.
Sie nahm weiter zu und ich weiter ab.

Als Kind war ich immer die Dünnere gewesen und nun war ich es seit zwei Jahren wieder...
Meine Schwester wurde auch unglücklich und begann ihrerseits wieder abzunehmen. Meine Diät war keine Diät mehr in dem Sinne.
Ich aß wenig. Schulbrote kamen in den Müll, Milch trank ich wenig (nur, wenn meine Eltern mich beobachteten), Margarine und "fettige" Nahrunsmittel mied ich.
Eltern, Freunde und Geschwister sprachen mich darauf an, dass ich so dünn aussähe. Doch das, was ich sah, war anders: Immer, wenn ich in den Spiegle schaute, sah ich Speck und einen viel zu dicken Po!
Die Sorgen der anderen, die Aufmerksamkeit, die ich bekam, taten gut, sehr gut!
Bestärkt machte ich weiter, stand mehrmals täglich auf der Waage. Ich war stolz auf meine Disziplin. Schule, Hobbies, AG's und meine "Diät" - alles klappte bestens in den letzten 6 Monaten, in denen es eskalierte.

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Meine Schwester und ich konkurrierten enorm miteinander und unserem Gewicht. Wir guckten beide darauf, was die andere aß und welchen Sport wir machten.
Sit-Ups mit Gewichten, Radtouren, skaten und schwimmen; wenig, weniger, am wenigsten essen und Wasser trinken.
Nach dem Essen den Finger in den Hals... Gegen Ende noch nicht mal mehr das.
Übergeben ging von alleine, wenn mein Magen zuviel bekam.
Ich achtete sehr auf Kalorien und wusste von unserem Sortiment genauestens, welches Produkt am wenigsten kcal hatte.

Dieses "Kalorien-Denken" entwickelte ich, nachdem mein Bruder und meine Schwester zu mir sagten, dass ich nicht immer nur auf Fett, sondern - viel wichtiger - auf kcal achten solle, wenn ich dünner werden wolle.
Als dann die Sommerferien kamen, hatte ich 20 kg runter. Die Angst davor, im Urlaub wieder zuzunehmen, ließ mich Sport machen, mehr als ich es sonst tat. Dadurch, dass wir gemeinsam weg waren, bekamen meine Eltern alles mit. Die Zickereien meiner Schwester und mir, meine starke Abneigung gegen Essen (besonders gegen Milchprodukte, Öl, Fett, etc.).
Zu Hause wogen sie meine Schwester und mich.
Wieder 2 Kilo runter! Erfolg für mich.
Meine Eltern wussten nicht weiter. Meine Mama weinte häufig, das gemeinsame Essen war angespannt und unschön. Nachdem ich es nicht schaffte, zu Hause mit Papas "Hilfe" zuzunehmen (ich wollte nicht "mehr" werden!), ging er mit mir zu einem Arzt.
Ich hatte mittlerweile insgesamt 27 Kilo abgenommen: 1/3 meines Körpergewichtes reduziert. Vom Kinderarzt kam ich zu einem Psychologen, von dort aus sofort ins EVK.
Viele Untersuchungen kamen. Mein Puls waren zu niedrig: Nachts 28 Schläge die Minute!
"Tod auf Raten!", wie meine Mutter sagte.

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Die Zeit auf Station 8b war schlimm für mich. Ich bekam Tablettessen und Zwischenmahlzeiten, war mehrere Wochen an einem Infusomaten angeschlossen und nachts am EKG und bekam Alupent (einem auf der Intensivstation verwendeten Mittel, um den Puls zu erhöhen).
Jedes Mal wiegen war Horror und ich habe viel geweint. Wollte einfach nur weg!
Ich war hibbelig, wollte wieder Sport machen, das Essen loswerden!
Doch um rauszukommen, musste ich zunehmen.
Vom ersten Tag an habe ich alles gegessen, was auf den Tabletts war. Auch wenn es mir schlecht dabei ging. Ich hatte nie Hunger, geschweige denn Appetit und trotzdem aß ich...
Doch gefühlt habe ich mich schlecht.
Während meines 3 1/2- monatigen Aufenthalts auf der Station lernte ich andere Anorexia Nervosa Patienten kennen, unterhielt mich mit ihnen und erfuhr mehr über die Krankheit. Jedes Mal, wenn wieder Wiegetag war, befand ich mich mehr im Zwiespalt:
Hatte ich zugenommen, so war es einerseits gut, da ich so schneller nach Hause kommen würde, andererseits schlecht, weil zunehmen das Letzte war, was ich wollte.
Hatte ich das Gewicht gehalten, so war es einerseits gut, da ich nicht abgenommen hatte, andererseits schlecht, weil ich nicht zugenommen hatte und ja nach Hause wollte.
Hatte ich aber abgenommen, so war es einerseits gut, da ich mich mit Gewichtsabnahme besser habe abfinden können als mit Zunahme und im wenigen Gewicht meine Bestätigung fand. Andererseits war es doppelt schlecht, da ich so noch viel mehr zunehmen musste, um nach Hause kommen zu können! Einfach schrecklich!
Einerseits verlangte ich von allen (besonders von meinen Eltern), dass sie mir wirklich zuhörten und mich verstanden, andererseits verstand ich mich selbst nicht.
Was ich an einem Tag hören konnte bzw. hören wollte, war am nächsten Tag total falsch und kontraproduktiv.
Meine Stimmungsschwankungen wurden stärker. Ich wurde sehr emotional. Wutausbrüche, Heulkrämpfe, tiefe Trauer... Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt.
Meine Eltern sagten mir, wie lieb und fröhlich ich gewesen bin, wie zufrieden und glücklich mit Spaß am Essen und am Leben und wie ich mich verändert hatte: Unausgeglichen, verletzend und unzufrieden...
Das Schlimme daran war, dass sie Recht hatten - das wusste ich. Das wollte ich ändern, aber immer, wenn sie mich besuchten, gab es kleinere und größere Streitereien, in denen ich unfair und verletzend wurde und die mir im Nachhinein leid taten.


Noch nie in meinem Leben habe ich meiner Familie so weh getan und ihr so viele Sorgen gemacht.
Meine Mutter hat sehr oft geweint - vor Hilflosigkeit, Verzweiflung, Angst. - Sogar meinem Vater, den ich noch nie habe weinen sehen, konnte ich ansehen, wie sehr er mit den Tränen kämpfte, wie sehr er litt, wie sich sein Gesicht veränderte (Sorgen-falten wurden tiefer, er schien zu altern). Mein Bruder, den ich nur auf der Beerdigung meines Opas habe weinen sehen, weinte...viel, wie mein Vater mir sagte.
Papa hat mir mal erzählt, dass mein Bruder manchmal für 1-2 Stunden in den Garten geht und weint; alleine.
So was zu hören war belastend und tat weh, aber ich hatte es verdient!
Immer, wenn ich wieder abgenommen hatte oder wenn ich nach einem Streit mit meinem Vater sprach, um mich zu entschuldigen, zu weinen oder einfach zu reden und er Dinge sagte wie: "Ist egal",
"Das ist Vergangenheit, was zählt ist die Zukunft!" oder "Du brauchst dich für nichts entschuldigen, das ist die Krankheit...", immer dann wünschte ich mir, er würde mich ohrfeigen oder anschreien, mir Vorwürfe um die Ohren hauen!
Aber dieses Ruhige, Besonnene, die Aussagen, die er machte, waren viel schlimmer, als wenn er mich angeschrieen hätte.
Die letzen 3 1/2 Monate habe ich manchmal gekämpft um zuzunehmen,
manchmal aber wollte ich einfach nur weg!
Weg aus dem EVK, weg von zu Hause, weg!
Wohin? Wusste ich nicht ... manchmal wollte ich "einfach" sterben. Aber das habe ich NIE jemandem erzählt. Niemals!

Momentan bin ich noch in der Tagesklinik des EVK`s und lerne hier weiter zu essen. Ich muss noch 5 Kilo zunehmen, habe schon 3.
Ich kann nachts nach Hause zum Schlafen und bin von 8-16 Uhr hier...





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