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Begabt gestorben

Jessica, 17


Manch einer mag sich vielleicht fragen, warum es soweit kam, dass ich hier in die Klapse nach Grafenberg gekommen bin. Nun, das frage ich mich auch.
Ich wollte mich umbringen und verletze mich selber. Warum ich das mache? Na ja, ich habe mir immer geschworen, niemals so etwas zu machen und nun ist es doch so gekommen.
Es macht mir keinen Spaß. Ich habe einmal aus Verzweiflung geritzt, dann ein zweites Mal aus Hilflosigkeit. Mittlerweile ist es zu einer Sucht geworden. Ich muss das Blut sehen. Erst dann werde ich ruhiger. Muss sehen, dass ich hier bin und lebe, innerlich doch noch nicht gestorben bin.
Wirklich Schlimmes erlebt habe ich zum Glück noch nicht. Deshalb verstehe ich meinen Todeswunsch auch nicht, er kommt einfach manchmal.
Ich denke mal, ich bin einfach überfordert,
überfordert mit mir und meinem Leben. Ein Teil macht vielleicht auch aus, dass ich in der 7. und 8. Klasse zwei Jahre lang gemobbt wurde und überhaupt eine Außenseiterin bzw. Einzelgängerin bin.
Aber nun noch mal zur Überforderung. Wenn es nach den anderen geht, bin ich vielseitig begabt. Wenn es nicht an meinem Durchsetzungs-vermögen hapern würde, wäre ich auf ein Gymnasium gekommen, soll einen IQ von 122 haben. Für Klassen-arbeiten habe ich eigentlich nie gelernt und trotzdem gute Noten geschrieben. Nach einmaligem Hören oder Lesen hatte ich das Meiste verstanden und gespeichert.
In meiner Freizeit habe ich viel gemalt und meine Eltern damit fasziniert, genau wie mit meinen Kurzgeschichten, die ich geschrieben habe, wenn ich Langeweile hatte. Ab und zu hatte ich für eine Tageszeitung geschrieben und war Messdienerin.
Mit dem Computer habe ich auch viel gearbeitet. Ich habe Bilder bearbeitet, die ich selber geschossen habe und meinen Eltern bei Texten oder Recherchen im Internet geholfen.
An der Theater AG und dem Chor in Grund- und Realschule hatte ich auch sehr viel Spaß und habe bereits ungefähr fünfzehn Auftritte hinter mir. Wenn man mir etwas erklärt, verstehe ich es nach kurzer Zeit, wie zum Beispiel Schach.

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Nun, für viele Menschen wäre das vielleicht ein Leben, das sie sich schon immer gewünscht haben, doch für mich ist es einfach zu viel. Ich habe nicht gelernt, damit umzugehen.
Besonders, wenn man merkt, dass die Fähigkeiten nachlassen - aufgrund der Enttäuschungen, die man von anderen Personen erfährt. Man wird von sich selber enttäuscht und verletzt, weil man andere Maßstäbe gewöhnt ist. Man hat ständig das Gefühl zu versagen.
Dadurch stumpft man ab. Ich habe nichts, wofür ich kämpfen kann. Das Leben ist langweilig, weil man alles schon kennt oder kann. Ich fühle mich innerlich tot, gestorben, leer.
Durch die Klinik habe ich neue Möglichkeiten entdeckt und gelernt, meine Fähigkeiten mehr oder weniger sinnvoll zu nutzen. Vor kurzem habe ich einen 10km Lauf mitgemacht und werde mich nun weiter vorarbeiten, mein Leben hat wieder einen Sinn bekommen.
Man sieht, in der Psychiatrie sind nicht nur bekloppte Leute. Es sind Leute, die stark genug sind, um zuzugeben, dass sie in ihrem Leben Hilfe brauchen, diese dann auch suchen und für sich in Anspruch nehmen.

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