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Mein Leben auf der Station 12B/Grafenberg

(Sophia M., 17 Jahre)


"10:30Uhr-EEG in Haus 13", vernehme ich verschlafen von meiner Betreuerin Heike am Mittwoch während der Morgenrunde um 7 Uhr 40. "EEG, was ist das bloß?", frage ich mich die ganze Zeit beim Wiegen, mit dem jeder meiner Tage startet.
"Gehirnströme werden gemessen", bekomm' ich von allen Seiten zu hören, doch genaueres darunter vorstellen kann ich mir nicht. Sobald ich die ersten beiden Schulstunden hinter mir hatte, sollte ich es erfahren.
Mit zahlreichen Elektroden am Kopf verfiel ich in eine Art Trance, die sich wie eine Decke über mich legte und meinen Körper mit einem Kribbeln durchfuhr. Mein Kopf war völlig leer und auch wenn ich hätte sprechen wollen, hätte ich durch die physische Betäubtheit und Schlappheit kein Wort über meine Lippen gebracht. Verschiedene Bilder und Erlebnisse durchzogen meine Gedanken und in den Sinn kam mir unter anderem: "Das ist wie bekifft und verballert sein. Wenn gute Musik laufen würde, wünschte ich, es würde nie vorbei gehen, dieses körperlose Gefühl, bei dem man nichts, was um einen herum passiert, wahrnimmt".

12 Tage ist es her, seitdem ich von den Bullen bei meinem Freund zu Hause abgeholt und hier
mit Gerichtsbeschluss zwangseingewiesen wurde. Neben EEG habe ich Sachen hinter mir wie EKG, tägliches Wiegen, MRT, Zusehen wie eine Freundin und Patientin fast täglich ins Intensivzimmer gesperrt wird, eine richterliche Anhörung, Termine mit meinem Jugendgerichtshelfer und unzählige Gespräche mit meiner Ma, die es auch nicht leicht hat.

Auch wenn ich gegen meinen Willen in diese "Klapse" wegen Magersucht und - wie es später aufgeflogen ist - wegen Drogen verfrachtet wurde und eigentlich nur hier raus will,
weiß ich gar nicht, wie es weitergehen soll und wo ich danach hin soll.
Viele Sachen sind sehr gewöhnungs-bedürftig. Es ist schwer, wenn man es nicht anders kennt, als das zu tun, wozu man gerade Lust hat und sich generell allein um sich zu kümmern und zu versorgen versucht, dass man geregelte Küchen-zeiten hat, zu fragen, wenn man raus möchte und die absolut übertriebenen "Zu-Bett-geh-Zeiten". Jedoch sind meiner Meinung nach die ersten vier Tage immer die schlimm-sten und sobald man Ausgang hat, ist es nicht so schrecklich wie am Anfang, aber immer noch sterbenslangweilig.
Ich habe akzeptiert, dass ich mich meinem Schicksal fügen muss und deswegen versuche ich die Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten, keinen Stress anzufangen und ein bisschen mitzumachen, damit ich schnell entlassen werde.
Auch wenn ich nicht direkt mit anderen Patienten meiner Station "Kontakt aufnehme", habe ich trotzdem harte Geschichten gehört und Jugendliche kennen gelernt, die es ebenfalls nicht gerade einfach haben, deren Leben von Ängsten gezeichnet ist.
Wirklich alle haben Probleme zu Hause.
Es ist egal und man kann auch nicht sagen, wer die krassesten Sachen erlebt hat, den heftigsten Stress hatte oder die größte Scheiße gebaut hat. Ausschlaggebend ist, dass wir alle die hier sind, den Druck nicht mehr und nicht besser verarbeiten können als wir es bis zur Einweisung tun.

Mal schauen, was und ob mir die Therapiegespräche etwas bringen werden, wie die Holz-AT ist und was mich hier noch erwartet. Bisher lief jeder Tag fast gleich ab und langsam aber sicher halte ich es so gut wie gar nicht mehr aus. Ich kann mich nicht mehr ablenken, weil ich keine Lust mehr habe, den ganzen Tag zu lesen, zu malen, zu lernen und mich zu langweilen.
Ich hoffe, dass meine ätzende Zeit bald zum Ende kommt. Aber wird es denn je besser?


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